PFAD 5

Vom Plakat zum Reel

Épinal und der Wandel von der gemeinsamen Plakatwand zum persönlichen Bilderstrom

DIE OFFENE FRAGE
Was verändert sich, wenn nicht mehr alle dieselbe Plakatwand sehen, sondern jeder Mensch in einer eigens für ihn erzeugten Bilderstrasse lebt?

DIESES BILD VERSPRICHT ...
Wählen Sie ein Bild, eine Postkarte, ein Plakat oder eine bewusst inszenierte Szene. Vervollständigen Sie innerlich zwei Sätze: Dieses Bild verspricht ... Dieses Bild verschweigt ...

DIE VERBORGENE VERBINDUNG
Das Plakat musste eine unbekannte Menge anhalten. Der Feed kann lernen, welches Bild gerade bei einer bestimmten Person wahrscheinlich funktioniert. Die entscheidende Veränderung liegt deshalb nicht nur in der Geschwindigkeit. Sie liegt darin, dass aus einer gemeinsamen Bilderwand Millionen private Bilderstrassen geworden sind.

Am Morgen untersuchen Sie, wie Papier und Farbe einen vorbeiziehenden Körper anhalten. Am Mittag erleben Sie, dass ein Versprechen bereits vor dem ersten Geschmack beginnt. Am Nachmittag stehen Sie vor einem Bild, das wechseln kann, aber für alle dieselbe sichtbare Kante behält. Erst danach öffnen Sie Ihren persönlichen Feed.

REFLEXIONSFRAGE
Was muss aus dem Bild verschwinden, damit seine Welt begehrenswert wirkt?

SICHERHEIT UND VERANTWORTUNG
Personen im öffentlichen Raum nicht ungefragt fotografieren. Museums-, Urheber- und Hausregeln beachten.

Das Video beginnt mit einem Messer.

Die Klinge bricht durch eine dünne Kruste, darunter fliesst etwas Goldenes auseinander. Noch bevor Sie erkennen, ob es Käse, Gebäck oder Kosmetik ist, erscheint eine Schrift: Diesen Fehler machen fast alle.

Sie sehen bis zur letzten Sekunde. Dann schieben Sie den Finger nach oben. Ein Gesicht erscheint. Danach ein Hotelzimmer, eine politische Behauptung, ein Hund, ein Mantel, eine Landschaft.

Der Bildschirm besitzt vier sichtbare Kanten. Die Bilderstrasse dahinter scheint keinen Rand zu haben.

01

Der Blick bleibt hängen

Ort: Musée de l'Image, Épinal.

Was Sie erleben: Suchen Sie nicht sofort das schönste Blatt. Wählen Sie ein Bild, das Ihren Blick bereits aus einigen Metern Entfernung festhält. Benennen Sie drei Dinge: Was sahen Sie zuerst? Welche Bewegung vermuten Sie? Welches Versprechen macht das Bild, bevor Sie den Text lesen. Gehen Sie danach näher und untersuchen Sie Rand, Wiederholung, Farbe und Leserichtung.

Dramaturgische Funktion: Der schnelle Blick wird langsam genug, um seine eigene Lenkung zu bemerken. Das Museum zeigt nicht nur Bilder, sondern die materielle und gestalterische Arbeit ihrer Vervielfältigung.


Plan B: Bei eingeschränktem Zugang einen öffentlichen Bildbestand nutzen.

03

Das Bild im Raum und auf der Strasse

Ort: La Plomberie und MUR, Épinal.

Was Sie erleben: Beginnen Sie in La Plomberie. Wählen Sie ein Werk und beobachten Sie, wie Raum, Abstand und benachbate Arbeiten Ihren Blick lenken. Gehen Sie danach zum MUR. Betrchten Sie das aktuelle Werk mitsamt seiner Umgebung und achten Sie eine Minute lang auf die Vorbeigehenden: Wer schaut hin, wer bleibt stehen, wer geht weiter? Öffnen Sie erst danach drei Beiträge auf der persönlichen Startseite einer von Ihnen genutzten sozialen Plattform wie Instragram, TikTok oder Facebook.

Dramaturgische Funktion: La Plomberie zeigt kuratierte Kunst im gestalteten Innenraum, der MUR ein öffentlich sichbares Wechselbild. Der persönliche Feed bildet den Gegenpo: Er stellt für jede Person eine andere Bildfolge zusammen.

Plan B: Ist einer der Orte nicht zugänglich, untersuchen Sie den anderen vor Ort und betrachten aktuelle Abbildungen des fehlenden Ortes. Vergleichen Sie anschliessend beide Formen der Präsentation mit Ihrem persönlichen Feed.

02

Das Auge isst zuerst

Ort: Marché Couvert d'Épinal im Zentrum von Épinal.

Was Sie erleben: Wählen Sie ein handwerklich verziertes Éclair oder ein sichtbar geschichtetes Sandwich. Betrachten Sie es vor dem ersten Bissen wie ein Plakat: Was stoppt den Blick? Was wurde für Geschmack, Transport, Foto und Marke gestaltet?

Dramaturgische Funktion: An einem essbaren Bild wird die Grammatik des Blickfangs konkret. Die Mahlzeit zeigt, dass Erwartung vor dem Geschmack beginnt und dass Gestaltung zugleich verführt, informiert und für Weitergabe optimiert.

Plan B: Bei geschlossenem Markt ein handwerklich gestaltetes Produkt in einer Bäckerei oder Patisserie wählen und dieselbe Bildanalyse durchführen.

Im Museum endet die Farbe an einer Papierkante. Vor dem MUR besitzt das Werk vier Ecken und eine sichtbare Wand.

Der Feed kann ebenfalls aufhören. Er zeigt es nur nicht.

Vielleicht ist das die verlorene Eigenschaft der öffentlichen Bilderstrasse: nicht Unschuld, sondern ein Rand, an dem man sich neben andere stellen und über dieselbe Fläche streiten kann.

Der Feed begann auf der Strasse.

Der Pfad als Erkenntnisbewegung

Was bleibt

LA GRANDE GALERIE

KARTE ZUM PFAD 3

Bright living room with modern inventory
Bright living room with modern inventory

NÄCHSTER SCHRITT
Pfad 2 - Mensch versus Algorithmus

Wann dient Technologie dem Menschen — und wann beginnt der Mensch, sich ihr anzupassen?

KONTAKT

info@EpoqueEcho.com
Impressum & Datenschutz

FRANÇAIS: EpoqueEcho.com
DEUTSCH: EpoqueEcho.com/de